Satzspiegel konstruieren: Wie ging das?

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31. Dezember, 2012

Ob in der Buch­ge­stal­tung oder bei der Kon­zep­tion eines zeit­ge­nös­si­schen Magazin-Layouts, man kommt nicht um ihn herum – den Satz­spie­gel. So ein­fach sich die Regeln für seine Erstel­lung auch anhö­ren mögen, um so mehr Erfah­rung benö­tigt es, diese auch rich­tig anzu­wen­den und wich­ti­ger noch, um von ihnen abzu­wei­chen. Behei­ma­tet der Satz­spie­gel nicht zuletzt den ele­men­tars­ten Teil einer Publi­ka­tion – den Inhalt – wel­cher sich har­mo­nisch in das gewählte For­mat ein­glie­dern soll.

Satzspiegel, aber warum?

Ein sehr net­ter Ver­gleich für die Funk­tion eines Satz­spie­gels ist, sich das For­mat einer Seite als Grund­stück vor­zu­stel­len, auf wel­chem der Satz­spie­gel das Bau­werk und die in ihm ent­hal­ten­den Ele­mente das Inte­ri­eur repräsentieren.Wie so häu­fig gibt es auch bei der Kon­struk­tion eines Satz­spie­gels kei­nen Königs­weg. Ein text­ba­sier­ter Roman benö­tigt einen ande­ren Satz­spie­gel als ein monat­lich erschei­nen­des The­men­ma­ga­zin mit zahl­rei­chen Bildern.

Bei der Kon­zep­tion eines Satz­spie­gels sollte man daher fol­gende Fak­to­ren beach­ten und die Kon­struk­tion dahin­ge­hende anpassen.

 

Der Villardsche Teilungskanon

Benannt nach dem Fran­zo­sen »Vil­lard de Hon­ne­court«, ist der Vil­lard­sche Tei­lungs­ka­non einer der bekann­tes­ten Metho­den zur har­mo­ni­schen Ein­tei­lung recht­ecki­ger Flä­chen. Wie man an den Bei­spie­len sehen kann, benö­tigt man für die­sen Tei­lungs­ka­non eine Doppelseite.

Im fol­gen­den Bei­spiel sieht man den Auf­bau für den Satz­spie­gel einer Buch­seite im For­mat DIN A5.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Zunächst zieht man eine Dia­go­nale von der unte­ren Ecke der ers­ten Seite zu der obe­ren rech­ten Ecke der zwei­ten Seite.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Als Nächs­tes zieht man eine neue Dia­go­nale, wie­der von der unte­ren lin­ken Ecke der ers­ten Seite, zur obe­ren, rech­ten Ecke der ers­ten Seite auf.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Die bei­den Schritt wer­den auf die zweite Seite übertragen.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Im fol­gen­den Schritt wird eine gerade Linie (hier in Magenta dar­ge­stellt), durch den Schnitt­punkt der gro­ßen Dia­go­nale (aus­ge­hend von Seite 1) und der klei­nen Dia­go­nale (unten rechts, nach oben links auf Seite 2) gezo­gen. Von der obe­ren Doku­men­ten­kante wird nun eine ver­bin­dende Dia­go­nale vom glei­chen Schnitt­punkt der gegen­über­lie­gen­den Seite (Seite 1) gezo­gen. Diese Dia­go­nale ver­läuft par­al­lel zu der dar­un­ter­lie­gen­den gro­ßen Diagonale.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Der Schnitt­punkt der magen­ta­far­be­nen Dia­go­nale mit der klei­nen Dia­go­nale der zwei­ten Seite mar­kiert den obe­ren Rand des Satz­spie­gels und bil­det gleich­zei­tig seine rechte Ecke. Der Satz­spie­gel wird nun zu den drei gezeig­ten Krei­sen (rechte Seite) auf­ge­zo­gen und auf die erste Seite gespiegelt.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Zu sehen sind die ein­zel­nen Stege/Rahmen, deren Bezeich­nung und den opti­schen Flä­chen die sich erge­ben, ver­län­gert man die Kan­ten des Satzspiegels.

 

Satzspiegel-Konstruktion Villardsche Figur und Villardscher Teilungskanon

Finale Dop­pel­seite ohne Konstruktionslinien

Die Neunerteilung

Ein­fa­cher und vor allem zeit­spa­ren­der ist der Satz­spie­gel durch die soge­nannte Neu­ner­tei­lung zu errei­chen. Der finale Satz­spie­gel ist dem durch den Vil­lard­schen Tei­lungs­ka­non gleich und ent­spricht eben­falls dem Ver­hält­nis des Gol­de­nen Schnitts.
Für die Neu­ner­tei­lung wird das For­mat in neun Zei­len und Spal­ten auf­ge­teilt. Für den Kopf­steg und Bund­steg lässt man hier­bei eine Zelle, für den Fuß­steg und Außen­steg jeweils zwei Zel­len frei (siehe Abbildung).

 

Satzspiegel-Konstruktion Neunerteilung

Anmerkung

Wie bereits zuvor erwähnt, muss sich die Kon­struk­tion eines Satz­spie­gels stets nach diver­sen Fak­to­ren rich­ten. Die oben gezeigte Vor­ge­hens­weise ist zwar eine der har­mo­nischs­ten Vari­an­ten einer Kon­struk­tion, jedoch keine kos­ten­ef­fi­zi­ente Lösung für Maga­zine oder odere Publi­ka­tio­nen, bei denen der finan­zi­elle Aspekt eine tra­gende Rolle spielt.

Eben­falls sollte ein Satz­spie­gel stets an die ver­wen­dete Schrift­art und deren Zei­len­ab­stand ange­passt wer­den. Leichte Anpas­sun­gen in der Länge des Saz­spie­gels, um mit dem Grund­li­ni­en­ras­ter über­ein­zu­stim­men, sind so gut wie immer ein Muss.

4 Comments

Senfabgabe
  • Hallo,

    ist es bei elek­tro­ni­schen Medien wie z.B. PDF-Bewerbungen üblich links und rechts unter­schied­li­che Rän­der zu lassen?

    Danke

    • Hallo Mar­tin,
      die hier gezeigte Satz­spie­gel­kon­struk­tio­nen fin­den vor allem bei der Gestal­tung von Büchern ihre Ver­wen­dung. Bei Ein­zel­sei­ten – wie bei Bewer­bun­gen meis­tens der Fall – macht es in den meis­ten Fäl­len mehr Sinn, den Satz­spie­gel hori­zon­tal zen­triert zu kon­stru­ie­ren. Den­noch kann man, sofern es gestal­te­risch gewünscht ist, einen asym­me­tri­schen Satz­spie­gel anle­gen, um den Loch­rand aus­zu­glei­chen oder dem Lay­out eine gewisse Span­nung zu verleihen.

      Ich hoffe ich konnte dir bei dei­ner Frage etwas behilf­lich sein :).

      Liebe Grüße, Rene

  • Inhalt­lich und for­mal sehr über­zeu­gende Prä­sen­ta­tion! In allen Aspek­ten erkennt man den Kön­ner! Bin Kunst­er­zie­her und habe so alle­lei Ver­su­che (print und screen), das Detail­thema Satz­spie­gel à la Vil­lard zu ver­mit­teln zur stirn­krau­sen Kennt­nis genom­men. Aber so reif und klar wie hier habe ich es bis­lang noch nicht ent­deckt. Viele Ver­wer­ter haben ja nun lei­der nicht ver­stan­den, wel­chen Sinn und Nut­zen die Bestim­mungs­hilfe für den Satz­spie­gel hatte und hat. Und so wun­der­bar knapp und anschau­lich. Chapeau!

  • Manfred Tschacher sagt:

    Genau so habe ich die Kon­struk­tion des Gol­de­nen Schnitt als Schrift­setz­er­lehr­ling von einem ehr­wür­di­gen Gestal­tungs­leh­rer in Ber­lin gelernt. Zufäl­lig bin ich auf diese Seite gekom­men. Tolle Prä­sen­ta­tion. Danke sehr.